Geschrieben von K.J.
Aldenhoven, 19. Juni 2011 - 4. Indeland Triathlon - Mitteldistanz

Dunkle Wolken, böiger Wind, gefühlte Kälte - keine Lust. Es sollten über 208 Starter werden, aber nur eine Handvoll befindet sich jetzt, 10 Minuten vor dem Start, im "parc ferme" des Schwimmbereiches. Die Stadiondurchsagen nehme ich kaum war. Mit den Füssen im Wasser stehend, schaue ich über den Blausteinsee. In weiter Entfernung sehe ich die Wendebojen. Eintausenneunhundert Meter Schwimmen, achtzigtausend Meter Radfahren und einundzwanzigtausend Meter Laufen liegen - noch 2 Minuten bis zum Start - vor mir.





(Bild 1: Axel und K.J. - Foto: Eva)

Schon in den vorangegangenen Tagen war ich mächtig angespannt - teilweise unausstehlich. Das Schwimmtraining am Mittwoch verlief bescheiden und das Freitagstraining auch nicht besser. Vielleicht war diese Angespanntheit dem letzten Wochenende (Pfingsten) geschuldet. 450 km mit insgesamt 5.100 hm auf dem Rad, dazu Lauf- und Schwimmtraining, habe ich doch nicht so leicht weggesteckt, wie ich es mir erhofft hatte. Dabei waren es nicht so sehr die Beine, die sich "schwer" anfühlten - nein - es waren die Müdigkeit und die Unlust auf alles sportliche, mit denen ich zu kämpfen hatte. Ich bin/war einfach nicht gut drauf.
Am Freitag lese ich unter "wetter.com", dass am Sonntag mit Sturmböen und Gewitter zu rechnen ist und dann kommt die "Dringlichkeitsmail" vom Veranstalter, dass "Scheibenräder" auf Grund der prognostizierten Wetterlage nicht erlaubt sind. 

(Eva erzählte mir später, dass der Veranstalter während des Wettkampfes über die Stadionlautsprecher verkünden ließ, dass die Wettkampfrichter dazu angehalten wurden jeden Athlten, der bei den Windverhältnissen unsicher auf dem Rad ist (bes.mit Hochkammerfelgen) sofort aus dem Rennen zu nehmen)

Am Wettkampfvortag liegen meine Angespantheit auf der Höhe der Empore des Empire State Buildings und meine Lust, Laune im Keller des Selbigen. In der Nacht vor dem Wettkampf werde ich von dem "Heulen" des Windes geweckt und das Prasseln der Regentropfen gegen das Fenster lässt mich nicht mehr einschlafen. "Klaus, du must doch da nicht hin!! Es zwinkt dich doch keiner!!!!" Worte meiner erfahrenen und euch bekannten Wettkampftrainerbetreuerin Eva.
Jetzt stehe ich hier mit den Füssen im Wasser und warte auf den Startschuss. Auf dem Weg von der Wechselzone I zum Schwimmstart kommen mir Axel und Gordon entgegen. HaJo treffe ich im "parc ferme" des Schwimmbereiches - danach erst im Ziel wieder. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt auch nur annähernd geahnt, was mich erwartet, was da auf mich zukommt - ihr ahnt es - ich hätte es trotzdem getan.

Der Startschus fällt und 169 Athleten (133 m und 23 w Einzelstarter, 14 Staffelstarter) stürzen sich in das kühle Nass des Blausteinsees. Ich finde von Anfang an nicht in meinem (Schwimm-)Rhythmus. Immer wieder komme ich von der Linie ab, immer wieder muss ich Athleten ausweichen, bekomme Tritte ab und spüre nasenartige Hindernisse an meinen Füssen. Dann kommt die Wendeboje. Ich umrunde diese, ein Blick nach vorne, die nächste Boje mit den Augen fest fixieren, Kopf unter Wasser, Arme in Kraulbewegung überführen. Nach ca. 5 Armzügen will ich den Kopf aus dem Wasser heben, um Luft zu holen und um die Linie zu kontrollieren. Mein Mund, meine Atemwege füllen sich mit Wasser - "Panik" - ich bekomme keine Luft, das einzige was ich Schlucke ist Wasser und sehen tue ich außer trübes, schlammfarbenes Wasser gar nichts. Husten, spucken, husten, Brustarmzüge, Wellen, nichts als Wellen. Der stümische Wind hat das Wasser des Blausteinsees aufgewühlt und zum Ozean mutieren lassen. 30 bis 40 cm hohe Wellen (lt. Veranstalter) schlagen seitlich in die Schwimmer ein. Das Schwimmen (und ich bin ein mieser Schwimmer) wird für mich zum Überlebenskampf. Aber viel Schlimmer ist der Gedanke, der wie ein Blitz plötzlich in meinem Kopf einschlägt, sich dort wie ein Orkan ausbreitet und das letzte Quäntchen Lust wie eine Windrose in sich aufsaugt: < Klaus, jetzt kommen die Wellen von der Seite - gleich von vorne. >

Nach 43 Minuten steige ich schwankend, gestresst und genervt aus dem Wasser. "Laufe" torkelnd in die Wechselzone. Ein Jahr trainiert, ein Jahr auf diesen Wettkampf gefreut - ich wollte Besser, Schneller werden - und jetzt ist das "Hier und Heute" nicht meine Welt. Ich fühle mich wie nicht dazugehörend. Wie unter einer Unlustig-Glocke gefangen. "Beam me up, Scotti. Beam me weg von hier, Pronto." Ganz in Ruhe ziehe ich meinen Neo aus, schaue mich um, schaue nach oben, fühle die nasse Kälte auf "nackter" Haut. Mit noch mehr genervter Ruhe, ziehe ich mir die Regenjacke, die Handschuhe, die Radschuhe, die Brille, das Kopftuch (!!), den Helm, das Startnummerbad an. All' diese Dinge lagen nicht etwas, wie üblich, griffbereit am/auf dem Rad - neeeiiinnn - diese musste ich vorher regengesichrt aus dem festverschlossenen Plastik-Wechsel-Beutel mit dem blauen Band, welcher sturmgesichert, verknotet an den Stangen des Geländers befsetigt war, herausholen. Es nutzt nichts, eine Entscheidung muss ich jetzt treffen: Entweder ich höre auf oder ich entschließe mich zum Weitermachen, zum endlich "Losfahren". Über 6 Minuten (fast 7 und beim späteren Sieger nur 2) hat mein Wechsel gedauert. Sechs Minuten habe ich mit mir, der Lust und den inneren Schweinehunden kämpfen müssen. Mit viel Überwindung schiebe ich das Rad aus der Wechselzone, steige auf und fahre. Ein, zwei, drei, ... Kurbelumdrehungen, mit den Armen auf den Vorbau liegend schalte ich die Gänge runter. Die Schaltung klackt und rastet einwandfrei ein. Die Kette marschiert wie auf Schienen nach rechts. Ein Blick auf den Tacho zeigt: DST 0,85 km; 28 km/h - steigend. 30, 35, 40 mit einer Spitzengeschwindigkeit von 55 km/h rase ich über den Asphalt. <Klaus, genieße es einfach. Genieße das leichte Bergab, den Rückenwind, die Geschwindigkeit - Dass andere kommt früh genug.> Das waren meine Gedanken und dann kam eine Rechtskurve und damit der Wind erst von der Seite, dann von vorne. Aus der Kette rechts, wurde Kette links und die Geschwindigkeit sank auf ein Minimum von 23 km/h ab. Eigentlich und ehrlich, habe ich das widerum als gar nicht so schlimm empfunden. Im Gegenteil, ich wollte es so, das ist mein Chance. Klar, die lauten Windgeräusche an den Ohren nerven. Klar auch, Gegenwind und Bergauf kosten "Körner" und ganz sicher werde ich meine Zeit aus dem letzen Jahr nicht einstellen können. Aber, schnell fahren kann jeder, meine Stärke ist der Berg, ist das Fahren gegen den Wind. Das habe ich trainiert und das zahlt sich jetzt aus. Wie auf einer Perlenschnurr aufgezogen, hole einen nach dem anderen ein, fahre an ihnen vorbei. 3 km vor der Wechselzone II sehe ich Axel vor mir. Mein Rad, der Wind und die Berge - wir sind in meinem Element - und so ziehe ich Axel vorbei. In der Wechselzone das gleiche Spiel wie vor 2 Stunden 29 Minuten. Beutel entknoten, die  vor dem "doch nicht Regen" gesicherten Laufschuhe entnehmen und die Radsachen gegen "es könnte ja doch Regnen" in den Beutel verstauen. Den Plastik-Wechsel-Beutel mit dem roten Band gegen den Sturm am Geländer sichern
- (Leute, davon gibt es ein Foto. Ich stelle mich in die Ecke zum Schämen oder setze mich auf die Stille Treppe zum Schmollen).
Auf geht's, die letzte Disziplin will geschafft werden. Ich laufe und nach 20 Meter ist Axel "plötzlich" neben mir. 46 Sekunden betrug mein Radvorsprung in Zeit. Wenigstens 2 km Vorsprung auf Strecke hatte ich mir erhofft - aber 20 Meter. Toll - einfach Toll. Ich wusste vom Training her, dass Axel und HaJo super Läufer sind und Hajo noch dazu ein exellenter Radspezialist ist. Beide werden immer den besten Laufgruppen zugeilt (nur Gordon konnte ich läuferisch nicht einordnen), daher wusste ich zu diesem Zeitpunkt: <Das wars! Du hattest deine Disziplin, aber von nun an keine Chance mehr.> Und dann kommt die Höchststrafe: "Klaus, die Regenjacke (Foto) hätte ich ausgezogen. Du brauchst aber lange zum Wechseln!!" Ehrlich Freunde, das brauchst du jetzt, das kommt sooo gut, das steigert die Lust - aber Recht hatte er ja mein Freund der Axel - ich liebe dich auch. Als wir mitten in unserem Smalltalk, gerade über die Zeiterfassungsmatte laufen, biegt Gordon mit dem Rad in die Wechselzone ein. 4 km weiter spüre ich etwas heißen Atem in meinem Nacken. Ein Blick zurück und -  aaaaach neeeeee - sehe keine 2 Meter hinter uns Gordon. Ein, zwei Worte wie: Bis später und tschüssss und schon zieht er an uns vorbei. Nach 6 km, an der "Bergstation"  - ich kann während des Laufens nicht trinken, Axel schon - zeigt mir Axel seine ganze Laufstärke und ich muss ihn laufen lassen. Egal, noch 14 km und auch ich bin im Ziel - und ich habe was, was ihr nicht habt - und bis dahin hole ich mir auf jeder Runde mein Kuss-Doping von Eva ab (s. Bericht 2010). 

Es war ein toller Wettkampf, den zum Schluss die Besseren gewonnen haben. Bis 14 km vor Schluss konnte ich mithalten - war trotz meiner schwachen Schwimmdisziplin nach den Radsplitt in Schlagdistanz zu den Tri Club Freunden Axel und Gordon. Selbst HaJo war keine Welt entfernt, zumindest das Radfahren wäre, hätte (ich weiß das gilt nicht) ich beim Wechseln nicht getrödelt, anders ausgefallen. - Wer weiß??
In 5 Stunden 10 Minuten habe ich die Mitteldistanz absolviert. 13 Minuten hinter HaJo, 9 Minuten hinter Axel und Gordon und 8 Minuten hinter meiner Vorjahreszeit. Trotzdem bin ich zufrieden. Zugegeben nicht 100%ig. Dazu sind zu viele Fragen offen und bleiben ungeklärt. - Lag es am Wetter (Wind)? Lag es an der mentalen Einstellung zum Wettkampf (dunkle Wolken, gefühlte Kälte, keine Lust etc.)? Lag es an dem "Übertraining (Pfingsten)? Vielleicht habe ich auch meine Leistungsgrenze erreicht! Oder, oder, oder - das muss und das werde ich in den nächsten Tagen für mich analysieren.

Trotz des widrigen, unlustigen und unmotivierten Anfangs, wurde es ein schöner Tag mit einem tollen Abschluss. Der Tag wurde gut, weil ich mich trotz negativer Einstellung dazu durchgedrungen habe, die Herausforderung anzunehmen und durchzustehen. Ein toller Abschluss, da ich die Ziellinie überquert und damit den (Wett-)Kampf - gegen mich, das Wetter und der Herausforderung gefinisht habe. - Mental zog mich das Ergebnis erst runter, aber jetzt weiß ich auch, dass kein Wetter der Welt mich davon abhalten kann, weiterzumachen. Das Gegenteil ist der Fall: Es baut mich auf.

Diejenigen, die meine Berichte lesen, wissen was jetzt kommt:
Das Beste wie immer zum Schluss:
Diesmal war es das Finish - der Zieleinlauf. Zum ersten Mal in meiner langjährigen Wettkampfzeit, fühlte ich mich im Ziel nicht alleine. Nein, nicht falsch lesen. Eva, war immer dabei. Sie hat, hatte und ich hoffe auch in Zukunft, im Ziel  immer auf mich gewartet. 
Aber jetzt warteten 3 Freunde, 3 Mitleidende, 3 Trainingspartner, 3 Tri Clubber, im Ziel. Ich stand nicht mehr alleine in der Zielzone. Man schlägt sich ab, freut sich gemeinsam über das Erreichte und bleibt als Gemeinschaft zusammen stehen. Die Anspannung fällt wie ein Mantel von einem ab. So, hatte ich mir Sport immer vorgestellt (s. B. 2010 über Adler Lütringhausen). HaJo, Axel und Gordon - kurzfristig musste ich meine Tränen unterdrücken - mir ist schlagartig bewusst geworden, was ich jahrelang vermisst hatte und für mich in Zukunft will. Gemeinsam ist Einzelsport am Schönsten. Gemeinsam trainieren, auf der Strecke Konkurrenten und im Ziel Freunde - Tri Sport von der schönsten Seite

(hoffentlich gibt es ein Zielfoto von Axel und Gordon, wie sie gemeinsam als Freunde über die Ziellinie Laufen - das lässt keinen Einzelsportler ohne emotionen zurück).


(Bild 2: von links: HaJo, Axel, K.J., Gordon - Foto: Eva)

So, in eigener Sache:
Bei aller Selbstkritik, muss ich auch folgendes schreiben:
Mein Highlight ist am 4. September 2011 die Langdistanz in Köln. Mein ganzes Training, meine Grundlagen und die Krafteinheiten sind darauf, auf dieses Event, ausgerichtet. Meine Oberschenkelverletzung zw. Februar und heute (mein linkes Bein kann ich heute noch nicht voll belasten bzw. "durch-"strecken) hat mir zwar viele Laufeinheiten gekostet, ging daher sicher zu Lasten der Laufzeit, aber mit solchen oder ähnlichen Wehwehchen hat jeder Athlet im "Laufe" seiner Zeit mal zu kämpfen oder? (Ausreden lasse ich für mich persönlich niemals zu). Die Wettkämpfe welche ich bis zum Tag der Entscheidung mitnehme, dienen entweder der Standortbestimmung und/oder als wettkampforientierte Trainingseinheiten. Meine diesjährige Planung ist/war dreigeteilt - 3 Blöcke bis zur Langdistanz:

Der 1. war von Januar bis Mitte Mai, mit den 4 Wettkämpfen in den Disziplinen: Radlangstrecke kombiniert mit einem Halbmarathon (siehe Bericht); Sprintduathlon als Koppel-Wechsel-Training (siehe Bericht), Mountainbike-Marathon als Kraftausdauereinheit (s. B.) und zum Block-abschluss den Laufmarathon als psychische Kopf-Trainingseinheit (s. B.).

Der 2. Block besteht aus reinen Tri-Wettkämpfen: Indeland-Mitteldistanz zur Standortbestimmung (Schwächenanalyse), Saerbeck-Kurzdistanz (Tradition unter Freunden) und Dortmund-Kurzdistanz (Koppel-Wechsel-Training).

Der 3. Block besteht nur aus dem Radtrainingslager im Saarland (hauptsächlich werde ich hier meine Stärken forcieren und nebensächlich an meinen Schwächen arbeiten).
Zwischen den Blöcken liegen immer 4 bis 6 Wochen zur Regeneration. Zeit genug, um erkannte Schwächen auszugleichen und/oder um Ruhe ins Trainingsleben zu bekommen. Erst am 4. September ab 7:00 Uhr beginnt mein Wettkampf auf dem mein ganzes Tun ausgerichtet ist - 11 Wochen bis zum High-Noon, die ?? Stunden der Wahrheit - nicht vorher und nicht nachher.

Euer 
K.J.